Fragen und Antworten zu Klicksonar und aktiver Echoortung

Warum ist Klicksonar so anders als alle anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten blinder Menschen?

Man kann sagen, dass Räume, deren Dimensionen und Beschaffenheit ohne aktive Echoortung Detail für Detail nacheinander erkundet und verstanden werden müssen, also von einem Orientierungspunkt zum nächsten. Wie auf einer Perlenkette wird eine Ortsinformation nach der anderen durch Langstock oder Hände wahrgenommen. Es ist relativ aufwändig und ggf. sogar unmöglich sich einen Überblick zu verschaffen. Z.B. von einem Platz, einer Kreuzung oder Straßensituation, einem Gebäudeensemble, einem Park, u.v.m.

Mit Klicksonar jedoch kann der Ort oder das Objekt in seiner räumlichen und materiellen Beschaffenheit, also dreidimensional und insgesamt erfasst werden. Der gesamte Kontext kann wahrgenommen und mit etwas Erfahrung auch interpretiert werden. Es handelt sich also um ein Sofort-Abbild mit Entfernungen, Dimensionen und Materialbeschaffenheit, wie bei einem sehenden Menschen.

Klicksonar ist eine völlig natürliche Methode, die eine bereits bei jedem Menschen angelegte Fähigkeit der Wahrnehmung fördert und nutzt.

Warum klickt man mit der Zunge und nicht mit der Hand oder dem Stock?

Die aktive Echoortung in dieser hohen Form kann nur über einen Zungenklick (Klicksonar) erlernt werden. Entscheidend für den Aufbau der Strukturen im Gehirn ist das feste Verhältnis zwischen Zunge (Sender) und Ohr (Empfänger) – nur so kann ein verlässliches und damit scharfes Bild der Umgebung entstehen. Die Signale eines beweglichen Senders (Stock, Fingerschnalzen, Gehgeräusche) erfolgen in ständig unterschiedlichen Entfernungen zum Empfänger Ohr und erzeugen damit ein immer wieder leicht verschobenes und damit unscharfes Bild, das vom Gehirn als nicht zuverlässig eingestuft wird.

Des weiteren hat der Zungenklick noch folgende entscheidende Vorteile:

  • Er kann extrem leise erzeugt werden (wichtig in geschlossenen Räumen, da sonst ein Echo-Chaos entsteht),
  • er wird ausgerichtet abgestrahlt (also nicht in alle Richtungen gleichmäßig, sondern nach vorn),
  • er kann in der Tonhöhe variiert werden (tiefer für größere Entfernungen, höher für nahe und feine Erkundung),
  • er ist verfügbar auch wenn man keine Hand frei hat,
  • er wird in Kopfköhe abgestrahlt und nicht auf Hüft- oder Bodenhöhe, wo er von allen möglichen Hindernissen und dem Boden reflektiert wird und sich unscharf zerstreut.

Wie erzeugt man den richtigen Zungenklick?

Der richtige Klick ist mit Worten schwierig zu beschreiben. Drehen Sie Ihren Kopf zum Klick in die Richtung des Objektes oder Gebäudes, das Sie erkennen wollen. Der Zungenklick ist hart, kurz, nicht schmatzend oder gluckend, weit vorn und oben am Gaumen produziert. Die Zungenspitze liegt zunächst fast an den oberen Schneidezähnen. Sie wird kurz hinter der Zungenspitze an den Gaumen gedrückt. Bringen Sie die Zunge unter Spannung und öffnen Sie dabei leicht den Kiefer. Im über der Zunge entstehenden Hohlraum wird mit angespannter Zunge ein Vakuum erzeugt. Der Ton entsteht dann beim plötzlichen Runterziehen der Zunge.
Für Distanzen unter 10 Meter eher heller mit einem breiten lächelnden Mund. Das klingt wie ein kleiner Klackfrosch.
Für Distanzen über 10 Meter eher mittelhoch bis tief und lauter mit einem offenen O-Mund.

Ersetzt Klicksonar den Langstock?

Nein! Der Langstock ermöglicht im Gegensatz zum Klicksonar das Orientieren vor den Füßen, ertastet Bodenunebenheiten, kleine Stufen, Löcher im Weg; Das Klicksonar aber ermöglicht das Distanz-Sehen, also die Orientierung in Räumen, auf Plätzen, auf der Straße etc., ohne diese erkunden oder erwandern zu müssen. Die Nutzung des Langstocks wird von erfahrenen Blinden als ebenso wichtig wie die Aktive Echoortung, bzw. Klicksonar, angesehen.

Braucht man für Klicksonar ein „besonderes Talent“?

Beim Training: Nach dem Anklicken eines Objektes wird es angefasst.

Beim Training: Nach dem Anklicken eines Objektes wird es angefasst.

Daniel Kish und die Familien, deren Kinder er unterrichtet hat, konstatieren: auch wenn manche Blinde eine besondere natürliche Begabung mitbringen und sich die Echoortung autodidaktisch aneignen, darf Echoortung nicht auf diesen Teil der Blinden beschränkt bleiben. Jeder Mensch kann die aktive Echoortung erlernen und sie hat das Potenzial das gesamte System von Orientierung und Mobilität blinder Menschen zu verändern.

„Wenn die Leute erstmal verstanden haben, dass es hier nicht um etwas Besonderes oder Revolutionäres geht; wenn sie diese Hemmungen überwinden, dann könnte es sich durchsetzen“ sagte Sarah Murray, die Mutter von Lucas. Echoortung und die dahinterliegende Idee, die sie trägt, sagte sie, „stellt die Art, wie blinde Menschen sich orientieren sollten komplett auf den Kopf.“

In welchem Alter kann man beginnen?

Es gibt kein „zu früh“ oder „zu spät“. Schon ein Säugling profitiert von Klicksonar und kann es selbst anwenden. Ein Kind ahmt automatisch nach, was seine Eltern und anderen Bezugspersonen vorleben. Verfeinern kann man im Laufe der Zeit. Aber es ist auch kein Problem mit drei, sieben oder 34 Jahren anzufangen. Sicher ist, je früher desto einfacher.

Kann ein Kleinkind überhaupt schon mit der Zunge schnalzen?

Dieses Schnalzen einer Zweijährigen ist sicher nicht perfekt, aber auch so nutzt sie es zum Orientieren und Navigieren. Verbessert wird der Klicklaut dann im Laufe der Zeit durch Versuch und Irrtum und Nachahmung. Es ist nicht so wichtig, dass der Klick perfekt ist. Es ist nicht einmal so wichtig, dass es ein Klick ist. Auch ein „tzt“, ähnlich wie man mit Pferden arbeitet, oder ein „scht“ erzeugt ein Echo für kurze Distanz.  Wichtig ist, ersteinmal den Einsatz der eigenen munderzeugten Geräusche als Mittel der Wahrnehmung zu verstehen.

Funktioniert Klicksonar auch für Späterblindete?

Uns ist zum Beispiel Daniel de Witte bekannt, der über 30 war, als er erblindete. Oder Brian Bushway und Justin Luchard, die als Jugendliche mit etwa 15 erblindeten. Alle drei haben Klicksonar zur äußersten Perfektion gebracht und gehören zu den wichtigsten Vertretern der Technik.

Ist Klicksonar sinnvoll bei Restsehvermögen?

Unserer Vermutung nach wird das Echosehen mit Klicksonar zum Restsehen im Gehirn quasi addiert, in einer Form, die es dem Nutzer selbst nicht einmal bewusst werden lässt. Tatsächlich glaubt der Anwender er sähe noch besser als er faktisch sieht. Das Restsehen hilft durchaus, denn das Echo kann leichter aufgrund Erfahrung und Restbild interpretiert und somit gelernt werden.

Ist ein schlechtes Gehör ein Problem?

Es ist natürlich hilfreich ein gutes oder durchschnittliches Gehör zu haben, aber auch mit einem schlechten Gehör ist das Gehirn in der Lage die Echos zu verwerten.

Wer hat das Klicken erfunden?

Bekannt ist das Phänomen seit mindestens 100 Jahren. Geforscht wird international seit etwa 60 Jahren. In der Lehre praktiziert und ausführlich dokumentiert wird Klicksonar von Daniel Kish in den USA seit etwa 20 Jahren. In Deutschland wurde bis vor kurzem kein Kind unterrichtet oder Trainer ausgebildet. Das hat sich durch uns nun geändert. Seit 2011 haben wir hunderten Eltern, Frühförderern, Mobilitätstrainern und blinden Kindern in Workshops die Grundlagen vermittelt.

Woher kommt das Wort „Klicksonar“?

Die Zunge macht einen Klick (man kann es auch hartes Schnalzen nennen) und der Rest ist die klassische Sonartechnik. Darum haben wir diese Wahrnehmungstechnik so genannt. Wir haben unseren Begriff Klicksonar international schützen lassen, um eine davon abweichende Verwendung des Begriffs zu verhindern. Klicksonar ist also ausschließlich die mit der Zunge erzeugte „Zungenklick zu Objekt und als Echo durchs Ohr zu Gehirn-Technik“.

Gibt es dafür auch ein Gerät?

Ein technisches Gerät kann zwar in der Auflösung Vorteile haben, aber es hat in fast allen anderen Hinsichten Nachteile: Ein Gerät produziert keinen körpereigenen, selbst modulierten und in Tonlage und Lautstärke sofort anpassbaren Ton. Es benötigt eine Stromversorgung, eine Steuerungsmöglichkeit (an/aus, laut/leise, hoch/tief etc.), es bedarf einer freien Hand zur Bedienung. Und das Gerät fehlt, wenn es nicht da ist. Das, um nur einige zu nennen. Außerdem: Die Verwendung von echtem Klicksonar verursacht nach häufigem Anwenden eine dem optischen Sehen ähnliche Wahrnehmung nur, weil es selbst, mit dieser Art und mit der eigenen Zunge produziert wird. Das kann man mit einem technischen Gerät nur sehr viel umständlicher erreichen, wenn überhaupt.

Wo kann ich Klicksonar lernen?

Wir veranstalten etwa einmal jährlich Workshops für ca. 100 Teilnehmer mit Daniel Kish in Berlin. Inzwischen gibt es aber auch Workshops von befreundeten Institutionen, wie dem Blindeninstitut München, dem ISIS Institut in Köln und Marburg oder dem österreichischen Blindenverband  www.bbi.at, Frau Prof. Mag. Hannemann. In diesen Workshops werden Eltern, Erzieher, Frühförderer und Mobilitätstrainer mit Grundlagenwissen ausgestattet. Die Liste der Frühförderer und Mobilitätstrainer bei denen Sie Grundlagen erwarten können halten wir für Sie aktuell.

Kinder vor dem vierten Geburtstag sollten von den Eltern und den Frühförderern an Langstock und Klicksonar herangeführt werden. Das Wissen erhalten Sie hier auf unserer Website und in Workshops.

Warum ist der Name Daniel Kish so eng mit Klicksonar verbunden?

Daniel Kish war der erste blinde Mobilitätstrainer der USA. Der seit seinem zweiten Lebensjahr blinde Kalifornier hat vor 20 Jahren, während seines Studiums bereits begonnen mit blinden Schülern zu arbeiten und ihnen fortschrittliche Orientierungsmethoden und Klicksonar zu lehren. Mit Langzeitbeobachtungen hat er seine Lehre aufgebaut, überprüft und verbessert. Er ist der erste, der die Methode Klicksonar systematisch untersucht und weiterentwickelt hat. Als weltweit gefragter Experte, Forscher und Mobilitätstrainer unterrichtet Daniel Kish an der Blindenschule in Santa Ana, USA, hält Vorträge, gibt Workshops und Einzelunterricht und gibt Interviews. Er ist der Gründer und Vorsitzender der Organisation „World Access for the Blind“. Neben der Stocktechnik und passiven Echoortung unterrichtet er seine Schüler und Studenten in der weiterentwickelten aktiven Echoortung (Klicksonar) und vermittelt ihnen die „Keine Grenzen“-Haltung.
Für Hintergrundinformationen zu Daniel Kish lesen Sie hier einen der ausführlichsten Artikel über Daniel Kish, seine Geschichte und seine Motivation.

Sieht ein blinder Mensch schwarz? Lebt er in absoluter Dunkelheit?

Dieses Bild, das Sehende von Blindheit haben ist sehr subjektiv und von Angst um das eigene Augenlicht geprägt. Für viele Sehende scheint das Sehen der wichtigste Sinn zu sein. Wir drücken es für Sehende lieber so aus:

Ein Mensch, der nicht mit den Augen sieht, hat nicht das Gefühl im Dunklen zu leben, sondern in der hellen Aura der Welt um ihn, die von vielen Eindrücken bunt wird.

Wie viel Erfahrung gibt es?

WAFTB (World Access for the Blind) und viele der Eltern haben hunderte Fälle dokumentiert, die zeigen, wie leicht, selbstverständlich und befreiend diese Techniken schon von 1,5 bis 2-Jährigen blinden Kindern aufgenommen werden. Die Ergebnisse sind replizierbar. Die Dokumentationen und das wissenschaftliche Fundament für diesen neuen Ansatz, für den wir uns einsetzen, sind sehr weitreichend und können über WAFTB bzw. den direkten Austausch mit Daniel Kish eingeholt werden.

„World Access For The Blind“ hat 13 Jahre Praxis in der Lehre

Die weltweit intensivste Forschung und Lehre betreibt die von Daniel Kish mitgegründete spendenfinanzierte Organisation „World Access For The Blind“. Sie folgen dem Motto „No Limits“ und haben bereits über 7.000 blinden Kindern und Erwachsenen in 30 Ländern eine selbständigere Orientierung ermöglicht.

  1. Einführungsvideo Teil 1
  2. Einführungsvideo Teil 2
  3. Einführungsvideo Teil 3
  4. Einführungsvideo Teil 4

Wikipediaeintrag zu Daniel Kish (Echoortungs-Autodidakt, Entwicklungspsychologe, Sonderpädagoge, Mobilitätstrainer, Mitgründer und erster Vorsitzender der „World Access For The Blind“).

Die größte deutsche Wissenssammlung zu Klicksonar:


 

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