Lesen und Schreiben lernen, Brailleschrift bzw. Punktschrift oder Blindenschrift

Erste Begegnungen mit der Brailleschrift können blinde Kinder, natürlich abhängig von ihrem jeweiligen Entwicklungsstand insgesamt – durchaus zeitgleich mit ihren sehenden Altersgenossen haben. Der Familienname am Klingelschild und einzelne Wörter im taktilen Bilderbuch können erste Einladungen zum Tasten der Punktschrift sein.

So fangen Sie an

Kinderhände lieben Braille

„Meine Hände lernen lesen“. Kinderhände sind neugierig und sensibel.

Nachdem Sie sich selbst mit der Punktschrift etwas vertraut gemacht haben (z.B. hier), kaufen Sie eine 6-Punkt Braille-Schreibmaschine im Idealfall mit Prägebandadapter (Dymoband). Beschriften Sie Kinderbücher und Spielzeug, sowie Stühle und Zimmer und zeigen Sie Ihrem Kind welche Bedeutung Schrift hat. Lesen Sie ihm aus Kinderbüchern mit Punktschrift vor. Das Kind lernt: „es sind Zeichen, die für einen Begriff stehen – und diesen Begriff kann man aussprechen und mit Leben füllen. Wenn man darüberstreicht kann man vorlesen“. Machen Sie lange Linien aus Braillezeichen und fügen Sie irgendwo eine Ausnahme ein, dann lassen Sie das Kind die Ausnahme finden. Das könnte eine Ein- oder Zweipunktlinie sein, wo irgendwann ein Dreipunktzeichen dazwischen liegt. „Wo ist der Stolperstein?“ oder „Wo ist das Loch?“.

Bitte beachten Sie auch unseren Artikel zu taktilen Büchern.

Punktschrift lernen, aber wie?

 “Es gibt etwas wunderbares beim Braille lesen, das sehende Menschen nie kennen werden: Man berührt Worte, die einen berühren” – Jim Fiebig

Sie stehen vor der Frage, wie man ganz konkret anfängt?

Mit Steckbrett, Maschine, Klettbrett oder Eierschachtel? Mit Buchstaben, Silben oder Worten? Und mit welchen? Mit der Erklärung des Braille-Systems? Der Idee wozu es da ist? Oder direkt mit der Anwendung von Worten?

Auf keinen Fall kann man das pädagogische Konzept für sehende Kinder übernehmen (Lückentexte oder nach Bildern) – man geht nach einem anderen Prinzip vor.

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Als erstes können Sie in der Wohnung und in der Kita alle eindeutigen Dinge beschriften. Wir haben von Anfang an alles mögliche in Punktschrift mit der Braille-Dymoprägezange oder der 6-Punkt Braille-Schreibmaschine mit Prägebandadapter beschriftet (also Küche, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Bad, Kühlschrank, Buchtitel, Sitzplätze und Stühle mit Mama, Papa etc.) und den Namen des Kindes auf persönliche Gegenstände geklebt. Man nimmt dazu am besten ein transparentes Dymoband. Für Kinder spielt oft der eigene Name eine große Rolle. Die Wörter sollten nicht gesperrt geschrieben werden, weil bei der Ganzworterkennung die enge Schreibweise durchaus gewollt ist. So bildet das ganze Wort eine wiedererkennbare Form und es kann schneller gelesen werden als beim Ertasten von Einzelbuchstaben.

Auf ganz natürliche Weise haben wir unserem Kind beim Vorlesen die Punktschrift in den Büchern gezeigt. Häufig erinnern wir es: Linker Zeigefinger auf den jeweiligen Zeilenanfang, rechter Zeigefinger liest (von uns unterstützt) mit. Unser Kind ist trotzdem ein Linksleser geworden, was einiges umständlicher macht.

Als spielerischen Weg zum Lesen empfehlen wir die „Taststraße zur Punktschrift“ von Markus Lang, mit der wir angefangen haben (siehe weiter unten). Eine Punktschriftmaschine leistet doppelten Dienst: beim täglichen Spielen und beim Beschriften. Wir haben gleich zwei im Einsatz, eine alte gebraucht ergattert und ein Vorführmodell von einer Messe gekauft. Gut ist, wenn man Dymobänder in die Maschine einlegen kann, um Objekte in der Wohnung und Kita und Bücher zu beschriften. Man kann aber auch festere selbstklebende Folie verwenden. Die Maschine braucht man also fast von Anfang an. Das Kind soll auch alles an der Maschine ausprobieren und selbst damit spielen, Spaß haben, Muster machen, fühlen. Das trainiert den Umgang mit der Maschine und die Kraft in den Fingern sowie das Tastempfinden in den Fingerspitzen. Keine Sorge, die Maschinen sind robust und langlebig. Blinde Kinder müssen im selben Maß spielerischen und ungezwungenen Schriftkontakt erhalten wie sehende Kinder.

Weitere Impulse für Interesse an Schrift können sich zum Beispiel durch den Kindergarten ergeben, wenn vorgelesen wird oder sich die Spielkameraden für das Schreiben und Lesen zu interessieren beginnen – da darf und will ein blindes Kind nicht nachstehen. Daher stellt sich dann schnell die Lernfrage. Wie beginnt man und was braucht man?

Anderes Sehen Hinweis

Ein wichtiger Hinweis für die Leser: Wir bemühen uns, Ihnen viele Tipps zu geben, wie Sie Ihr Kind gut fördern können. Bieten Sie Ihrem Kind durchaus alles an, darum geht es uns – aber drängen Sie es nicht! Jedes Kind hat seine eigene Reihenfolge und Geschwindigkeit Dinge anzunehmen und es gibt dafür keine Norm. Das gilt für Bücher, Braille, Laufen, Sprechen, Langstock und Klick-Sonar gleichermaßen. Und natürlich nimmt auch nicht jedes Kind alles an.

Lesen: Wenn der eigene Name als Ganzes erkannt werden kann (im Grunde ist dazu keine Buchstabenkenntnis nötig), können weitere Namen dazukommen (z.B. die Familienmitglieder oder Freundinnen). Die Kinder bilden dann erste Strategien über Schrift: Namen werden an der Wortlänge erkannt und zugeordnet, an markanten Zeichen am Anfang etc. Das sind wichtige Strategien vor dem eigentlichen Buchstabenlehrgang. Markus Lang spielt mit seinen Schülern oft ein Namenquartett (vereinfacht als „Duett“: bereits Pärchen können abgelegt werden). Also einfache Quartett-Spielkarten mit Namen aus dem Familien- und Freundeskreis beschriften. Jeder Name also vier mal.

Schreiben: Für das Schreiben sind Übungen zur Kräftigung und zur Fingerkoordination wichtig, aber auch die Bezeichnung als Finger 1, 2, 3 – 4, 5, 6 analog der Tasten auf der Braillemaschine. Links: Zeigefinger=1, Mittelfinger =2, Ringfinger=3 – Rechts: Zeigefinger=4, Mittelfinger =5, Ringfinger=6. Mit der Bezeichnung der Finger kann man schon sehr früh anfangen. Das Schreiben und Verstehen fällt dann leichter und kann später wirklich parallel zum Lesen erfolgen, wenn die Finger korrekt den Tasten zugeordnet werden können.

Man muss auf die andere Reihenfolge der Buchstaben-Einführung achten; sie ist ganz anders als bei sehenden Kindern. Man fängt auf der Maschine mit linksseitigen Buchstaben an, erst a, b dann l. Somit kann man ein kurzes Wort lesen: Ball. Dann geht man auf die rechte Seite über, also p, r.

Als Text zum Nachlesen oder zur Orientierung ist das Kapitel „Lesen und Schreiben“ in der „Didaktik des Unterrichts mit blinden und hochgradig sehbehinderten Schülerinnen und Schülern, Band 2“ zu empfehlen, das Herr Lang zusammen mit Frau Hofer und Frau Beyer 2011 herausgegeben hat.

Eierkartons, Steckbrett oder Häuschen

Punktschriftmaschine, Steckbrett, Haftbrett mit Einzelbuchstaben, Eierkarton

Punktschriftmaschine, Steckbrett, Haftbrett mit Einzelbuchstaben, Eierkarton

Markus Lang sagt: Die Braillezellenanalyse, also die Vergrößerung von Braillezeichen (wie z.B. mit Eierkartons, Steckbrett oder Häuschen mit sechs Zimmern) hilft nur Späterblindeten, aber nicht geburtsblinden Kindern. Diese scheinbaren Hilfen sind viel zu visuell gedacht! Blinde Kinder nehmen die Braillebuchstaben als Textur und nicht als einzelne Punkte wahr, sie können deshalb keinen Zusammenhang herstellen zwischen den besetzten Zimmern o.ä. und einem Braillebuchstaben. Ganz deutlich wird das durch die Aussage eines Schülers: Er meinte Jahre später, dass er eigentlich zweimal lesen gelernt hat – auf der einen Seite den Eierkarton, auf der anderen Seite die Braillezeichen auf Papier. Nur was diese beiden Systeme miteinander zu tun hatten, hat er erst als Erwachsener verstanden. Wir raten – auch aufgrund unserer eigenen Erfahrung – völlig von vergrößerten Darstellungen ab. Unser Kind kann auch nicht von gelesenen Buchstaben darauf schließen, wie sie auf der Maschine geschrieben werden! Das hat uns verblüfft, aber jetzt sind wir schlauer. Das Lesen und das Schreiben sind offenbar zwei getrennte Lernprozesse.

Punktschriftmaschinen und Braillezeilen

Eine mechanische Schreibmaschine mit elektronischer Unterstützung, wurde Ende 2012 auf den Markt gebracht und ist derzeit mit interaktiven englischen Lernprogrammen ausgestattet, der Perkins Smart Brailler. Nachteil: mechanische Schreibmaschinen brauchen gleichzeitige Kraft und Koordinationsfähigkeit der Finger. Kinder unter 6 haben damit oft Probleme! Vorteil: Sie sind leise und können auch während des Unterrichts in der Schule genutzt werden. Empfehlung ab 5 bis 7 Jahre.

Seit langem, aber ab Herbst 2013 mit völlig neuer Software, ist der Mountbatten Writer Plus auf dem Markt. Das ist eine elektrische Schreibmaschine mit Sprachfeedback und iOS App. Sie kann auch als Drucker vom PC aus verwendet werden. Vorteil: Auch ein sehr kleines Kind mit wenig Kraft kann die Tasten problemlos drücken. Texte, Geschichten, Grafik oder Unterrichtsmaterial können einfach vom PC aus gedruckt werden. Es kann sogar direkt mit einer angeschlossenen QWERTZ-Tastatur geschrieben werden. Empfehlung ab 3 bis 7 Jahre. Eine rein mechanische Maschine wird aber zusätzlich benötigt, da das Kind in der Kita oder Schule auch leise schreiben können muss.

Der Smart Brailler kostet etwa 2.200€; der Mountbatten etwa 3.000€. Die Kosten übernimmt in der Schule die Eingliederungshilfe/Behindertenhilfe oder das Schulamt. Vor der Einschulung muss die Krankenkasse meist mit viel Aufwand davon überzeugt werden, dass auch blinde Kinder zur gleichen Zeit wie sehende lernen können, müssen und wollen. Eine rein mechanische Maschine, z.B. der Perkins Brailler (mit Sprachausgabemöglichkeit), kostet zwischen 800 und 1.300€, die die Krankenkasse übernehmen muss. Gebraucht findet man manchmal mit viel Glück auch welche ab 200€.

Eurobraille, Computerbraille hat besonders im Unterricht in der Inklusion Sinn, da dann tatsächlich 1:1 gemeinsam gelernt werden kann – z.B. Großschreibung, Textdokumente auch von Klassenkameraden sind sofort in Punktschrift verfügbar etc.. Eurobraille ist das 8-Punktsystem, das es ermöglicht jedem Schwarzschrift-Zeichen (auch @ oder &%$§ u.s.w.), auch den Großbuchstaben, ein eigenes Punktschriftzeichen zuzuweisen.

Vor allem, wenn früh mit der Braillezeile gearbeitet wird, entspricht die Bildschirmdarstellung der Braillezeile 1:1 (alle Buchstaben werden abgebildet, es gibt keine Kürzungen). Damit lässt sich dann auch Englisch lesen und schreiben unterrichten (genauso wie es die Mitschülerinnen auch tun). Ein weiterer Vorteil: alle digitalen Texte sind sofort per Braillezeile verfübar (ohne Konvertierung). Alle gängigen Brailledrucker können Eurobraille ausdrucken (genauso wie alle 6-Punktschriften, auch englische Kurzschrift etc.), so dass Fibeltexte etc. auch auf Papier gelesen werden können.
Im Laufe der Grunschulzeit bzw. in Klasse 5 oder 6 findet dann der Einstieg in die deutsche Vollschrift und in die Kurzschrift statt (vornehmlich zum Lesen). So ist das Vorgehen im Unterricht in der Integration in Baden-Württenberg oder Schleswig-Holstein.

An einer Ausstattung mit Braillezeile (Punktschrift-Lesezeile zum Computer) kommt man langfristig nicht vorbei. Besonders Apple Geräte (sowohl OSX als auch iOS) bieten alle bereits integrierte Möglichkeiten und leichten Zugang. Es können z.B. beliebige Bluetooth-Braillezeilen am MacBook Air, iPod touch oder iPad mini verwendet werden. Auch hier bieten sich Möglichkeiten für den Einsatz zu Beginn des Schriftspracherwerbs. Mehr Informationen dazu bei Apfel-Fleger.

Wie kommt der Punkt dann in das Papier?

Das Ausdrucken (egal in welcher Schriftart) ist sehr elegant und einfach. Sie brauchen neben einem Brailledrucker (einer, der doppelseitig ausdrucken kann), das Konvertierungsprogramm RTFC. Das ist momentan das am weitesten verbeitete Konvertierungsprogramm. Dieses Programm wurde in Deutschland entwickelt (Herr Hubert, der Entwickler ist selbst Brailleleser und betreibt als Selbstständiger seine kleine Softwarefirma) und kopiert sich in Word hinein, so dass sehr bequem Texte direkt umgewandelt und ausgedruckt werden können. Die Konvertierung braucht man nur für den Ausdruck. Die Anzeige an der Braillezeile in Eurobraille erfolgt direkt. RTFC kann jede Variante für den Ausdruck vorbereiten: Eurobraille, Vollschrift, Kurzschrift (sogar einstellbar, welche Kürzungen verwendet werden sollen, so dass während des Lernprozesses stets geeignete Übungstexte herstellbar sind) und auch englische Kurz- und Vollschrift oder Französisch.

Für das Einscannen von Texten empfehle ich den „FineReader“ von Abbyy. Auch das geht dann sehr bequem direkt mit Texterkennung in Word hinein.

„Auf der Taststraße zur Punktschrift“

Das achtbändige „Auf der Taststraße zur Punktschrift“ ist das einzige moderne Werk zur Vorbereitung auf das Erlernen der Brailleschrift. Es führt das Kind nach modernen pädagogischen Erkenntnissen spielerisch in die Sensibilität des Tastens und die Bedeutung von Schrift ein und vermittelt die Grundlagen. Entwickelt von Dr. Markus Lang (Pädagogische Hochschule Heidelberg; Blinden- und Sehbehindertenpädagogik)

Die sehr aufwändig produzierten acht Bände haben einen voraussichtlichen Verkaufspreis von 300 bis 350€ haben (übernimmt ggf. die Krankenkasse oder die Bücher werden geliehen) und liegen damit etwa zwei Drittel unter dem Herstellungspreis von um 1.000€.

Was ist „Auf der Taststraße zur Punktschrift“?

Die kindgerecht und variantenreich gestalteten Fördermaterialien lenken die Aufmerksamkeit der Kinder gezielt auf bestimmte taktile Merkmale und ermöglichen spielerische Aktivitäten. Sie entsprechen den haptischen Wahrnehmungsfähigkeiten blinder Kinder im Vorschul- und Schulanfängeralter, wobei sukzessiv ansteigende Anforderungen an diese Fähigkeiten gestellt werden.

Das Formenbuch
Hier geht es um die Identifizierung verschiedener einfacher Formen.
Fingerwettrennen
Zwei jeweils unterschiedlich geführte Punktreihen müssen mit den Fingern beider Hände parallel abgelaufen werden.
Treffpunkte finden
Zwei unterschiedlich ausgeführte Punktreihen mit einem gemeinsamen Ausgangspunkt führen zu einem gemeinsamen Treffpunkt.
Die Suche nach dem Ausgang
Hier ist mit dem Finger einer Doppellinie zu folgen, und die Unterbrechungen (der Ausgang) sind zu finden.
Der Weg zum Käse
Der Weg zum Käse wird durch unterschiedlich lange Reihen aus Punktschriftzeichen dargestellt, von denen die kürzeste herausgefunden werden soll.
Straßen reparieren
Dieser aus zwei Teilen bestehende Band dient dazu, Muster zu erkennen und Fehlstellen in Mustern aufzufinden, die so ge-nannten Straßen, die Fehlstellen haben und dann repariert werden sollen.
Die Schatzsuche
Dieses Vorlesetastbuch für blinde Kinder soll vielfältige Handlungssituationen initiieren und spezifische, haptische Wahrnehmungen ermöglichen.
Die Busfahrt
Bei diesem Band handelt es sich um ein Vorlesetastbuch mit Textgestaltung sowohl in Brailleschrift als auch in traditioneller Schwarzschrift.

11 Kommentare zu Lesen und Schreiben lernen, Brailleschrift bzw. Punktschrift oder Blindenschrift

  1. N. sagt:

    Hallo, ich habe über die Jahre so viel hier gelernt und wollte unsere Methoden beitragen. Vielleicht hilft es jemandem: Wie wir unserem Kind lesen und zählen beibringen.

    Wir haben alle Bücher von anderes sehen bestellt, die wir bekommen konnten, so früh wie möglich. Wir haben unserem Kind die Bücher vorgelesen, es durfte darin tasten und blättern. So bekommt es auch schon ein Gefühl für Linearität: Der Reihe nach, vorwärts, keine Sprünge oder Wiederholungen (wg. zusätzlicher Einschränkungen / Immobilität / hohem Assistenzbedarf ist das überhaupt nicht trivial für unser Kind). Mit circa 3,5 Jahren bis 4,5 Jahren interessierte es sich dann konkret für Text und Schrift. Es fühlte selber nach den Punkten. Wir führten dann vorsichtig, nur stützend, seine Hand über die Linien und lasen synchron das vor, was es gerade unter den Fingern hatte. Wir lasen ihm sehr viel vor, sprachen immer sehr viel und sehr deutlich (Wortenden, n, l, m, t etc.) und benannten alles und konkret (von Anfang an links, rechts etc.). Wir sangen viel, erzählten Reime und so weiter. Wir sprachen auch über Text, Sprache, Buchstaben und Laute. Wir suchten Reimwörter. Später dann Wörter, die mit dem gleichen Laut anfingen. Dann konnte man auch schon darüber sprechen, mit welchem Laut Worte anfingen. Wir zerlegten Wörter in Silben und später in Laute. Für die Silben eigneten sich Reime und Lieder sehr gut. Um Worte in Laute zu zerlegen, kann man sie ganz langsam sprechen oder auch zum Beispiel auf Endlaute und Reime achten. Man kann auch Minimalpaare (nur ein Laut unterscheidet sich) suchen: Hut, hat, Haut, Hit und so weiter. Dann kann man versuchen, zu Fusionieren, z.B. als Spiel: „Rate mal, welches Tier das ist: Huuuuuuuuunnnnnnnnnnnnnd“ usw. Durch die ganzen sprachlichen Vorübungen konnte kind hier schon richtig „buchstabieren“ und hat Bewusstsein für „Orthografie“, halt nur mit Lauten. Auch das Kind mit Qwertz-Tastatur und lautweiser Sprachausgabe spielen lassen oder gestützt selber Worte mit Tastatur und Sprachausgabe schreiben lassen, war sehr beliebt.

    Für das Tastenüben gibt es neben den Büchern hier ganz viele Tipps. Wir haben spielerisch mit der Taststraße geübt, beliebt waren z.B. die Auto-(S-Bahn-…)Rennen mit viel Geräusch, rumpelige Straßen etc. Die Zweihand-Übungen der Taststraße gingen wegen den zusätzlichen Einschränkungen nicht, die haben wir halt nicht gemacht. Wir haben Objekte zuhause mit Dymobändern beschriftet. Da war wichtig, wo man die Schrift platziert, damit sie gefunden wird (z.B. da, wo man hinfasst, um das Objekt zu benutzen).

    Das Erlernen von Taststrategien ist auch noch hilfreich. Dazu fand ich das Buch „Meine Finger lernen Sehen“ hilfreich. Ansonsten, haben wir gesagt: Zuerst mit der ganzen Hand einen Überblick verschaffen, dann links oben mit dem Lesen beginnen. Oder von einem Objekt aus in kreisenden Bewegungen die Umgebung erfassen (z.B. Orientierung auf dem Telefon, Tastatur und Tablets).

    Als weiterer Schritt kommt die konkrete Verknüpfung der Laute mit den Punktschriftbuchstaben. Den Schritt hat man aber auch schon mit dem synchron Tasten und Vorlesen und der Tastaturarbeit vorgeübt und einige Wörter könnte kind dadurch auch schon tastend (bzw. an der Tastatur als Bewegung) erkennen, „lesen“. Zusätzlich haben wir ein Alphabetlied auswendig gelernt und als Dymoband das Alphabet einmal stupide ausgedruckt, so dass kind mit Strahl und Lied selber die Buchstaben-Laut-Zuordnung einüben kann. Als weiteres haben wir uns eine Dorner-Fibel ausgeliehen zum Üben: Wie beim Vorlesen wird synchron durch eine Hilfsperson vorgelesen, was das Kind unter den Fingern hat. Hat man hier, was ich nur empfehlen kann, schon ein Brailledisplay, kann man statt oder zusätzlich zur Fibel eigene Minimalpaare, taktil einfache aber ansprechende Texte oder Lieblingswörter zum Üben benutzen.

    Irgendwann kann man beim Vorlesen dazu übergehen, das Kind zu fragen, was denn da steht. So beginnt es dann spätestens selber, bewusst zu lesen bzw. vorzulesen. Wichtig bleiben die Bücher von anderes sehen, aus den Punktschriftbibliotheken: Das Üben muss Spaß machen und der Sinn/die Relevanz muss immer erkennbar sein: Ich kann selbstbestimmt Text konsumieren, Texte lesen etc.

    Es gibt es kein Mindestalter: Auch Babys kann man alles benennen, mit Ihnen deutlich sprechen, Reime erzählen und so weiter. Und das sollte man ohnehin tun. Zuerst steht die Kommunikation im Vordergrund, später kann man dann auch vorsingen oder vorlesen und dann wird der Text selbst interessant.

    Für Kinder, die noch genug sehen können und Schwarzschrift lernen können, eignet sich eventuell das Herangehen unter http://aacliteracy.psu.edu/.

    Unser Kind kann nicht visuell abzählen und auch nicht taktil, da es zusätzliche Einschränkungen hat. Um abzählen zu können, kann man sich unter anderem einen Überblick verschaffen (z.B. taktil) und jedes Objekt genau einmal zählen, ohne etwas zu vergessen oder mehrfach zu zählen. Aber unser Kind kann verbal/akustisch zählen. Stille Objekte abzählen kann es so nicht. Abzählen hörbarer Dinge erübrigt sich dann allerdings bzw. ist trivial, weil das Zählen selbst schon das akustische Abzählen ist. Ich selber habe als sehendes Kind die Zahlen zuerst akustisch/verbal gelernt, als Reihenfolge, Gedicht. Und einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass auch blinde Kinder Zahlen vor allem als akustischen Zahlenstrahl lernen und später über diesen akustischen Zahlenstrahl ein Gefühl für das Rechnen entwickeln können, statt nur des mühsamen Hantierens mit stillen Objekten. Einen interessanten Artikel hierzu findet man unter http://www.isar-projekt.de/portal/1/uploads/didaktikpool_40_1.pdf . Insofern eignet sich für unser Kind auch hier, die Zahlen zuerst wie ein Lied oder Gedicht auswendig zu lernen. Wenn möglich rhythmisch gegliedert. Vorübungen sind auch hier Reime und Lieder. Ergänzend kann man natürlich Objekte anbieten (Materialien, bei denen die Objekte nicht oder kaum verrutschen können und z.B. aufgefädelt sind, nicht gesucht werden müssen) und besonders einen Zahlenstrahl mit den Ziffern, um auch hier das Lesen einzuüben.

    Das sind alles Übungen, die je nach Kind gut vorschulisch, alltagsintegriert gemacht werden können. Und wenn wir eines gelernt haben, dann: Wenn das Kind ein Lerninteresse zeigt, dann um Himmelswillen dem Interesse nachkommen! Nicht aus Prinzip („bis zur Schule“) warten. Das Interesse ist da und kommt vielleicht nicht nochmal. Und die Schule ist leider für blinde Kinder kein Ort, an dem garantiert Lesen etc. vermittelt wird.

    • Steffen Zimmermann sagt:

      Ganz herzlichen Dank für diesen sehr hilfreichen und ausführlichen Aufsatz! Ihre Erfahrungen decken sich mit unseren. Die Dinge sind alle ganz natürlich und logisch und ganz ohne Druck oder „Lernzwang“ aus dem Interesse des Kindes entstanden. Man muss es natürlich anbieten. Übrigens ist auch Schwarzschrift lesen und schreiben lernen für ein blindes Kind ein interessantes, spannendes und hilfreiches Spiel. Das Interesse war da und das Lernen ging schnell. Also, warum nicht! Nun bekommen wir, Freunde, Lehrer und Familie Notizen, Hinweise und Briefchen in Schwarzschrift!

  2. Elke sagt:

    Vielen Dank für Eure tollen Tipps!

    Könnt Ihr bitte einen Tipp geben, was für selbstklebende Folie konkret geeignet ist? (Stichwort, Material, Stärke…) Es gibt so viel verschiedenes unter „Folie selbstklebend A4“.

    Ich habe bisher für verschiedene Sachen Standard-Laminierfolie ohne Inhalt zusammenlaminiert und dann mit der Punktschriftschreibmaschine beschriftet. Eignet sich halt leider nicht z.B. für Bücher etc.

    Phonologische Bewusstheit ist auch noch eine wichtige Sache vor/neben dem Lesen und Schreiben. Wir mögen z.B. „Tagesbuchstaben“: Morgens suchen wir uns einen Buchstaben aus, überlegen uns ein paar Wörter, die damit beginnen und reden dann den ganzen Tag darüber, wenn uns der Buchstabe irgendwo unterkommt.

    Auch gut: „Sound-Blending“: Ein Wort g-aaaaaaa-nnnnnn-z lllll-aaaaaa-ng-ssssss-aaaaaaa-mmmmmmm aussprechen und der andere muss erraten, welches Wort es ist (am Anfang z.B. nur aus einem Bereich [z.B. Haushaltsgeräte, Tiere]). Noch ein paar hands-on-Tipps habe ich hier gefunden: http://aacliteracy.psu.edu/index.php/page/show/id/5/index.html Das ist leider nur für sehende Kinder. Aber das meiste kann man anpassen: Statt der Symbolbilder könnte man z.B. mit Anlautkästen arbeiten (Objekte, die mit dem jeweiligen Buchstaben beginnen [Ast, Buch, Deckel, Esslöffel…) zum gesamten Alphabet sammeln und für Aufgaben nutzen [Wörter aus Gegenständen legen und kind muss es erraten oder andersrum]).

    • Steffen Zimmermann sagt:

      Wir nutzen dicke Folien für dauerhafte und oft genutzte Texte und dünne Folien für runde Oberflächen und nicht lange im Einsatz.
      Die dicken heissen „NESCHEN“ Filmolux H 200 Hart-PVC Klebefolie, DIN A4
      Die dünnen haben keinen Namen aufgedruckt, sorry.

  3. cleonie sagt:

    Ich finde es sehr praktisch das meine Mama und mein Papi jetzt alles beschriften können.
    Sogar meine Schulhefte.
    Danke.

  4. Sarah Schneller sagt:

    Hallo ich würde mir gerne für unsere blinde Tochter eine 6-punkt Braille Maschine zulegen. Meine frage ist wo bekomme ich sie her und wer übernimmt die kosten? Liebe grüße

    • Steffen Zimmermann sagt:

      Hallo Sarah,
      In der Regel übernimmt das die Krankenkasse. Je nachdem, ob die Maschine für zuhause oder die Schule benötigt wird, oder beides, und je nachdem wie alt Ihre Tochter ist und ob sie ev. schon eine Braillezeile hat, übernimmt das ggf. ein anderer Kostenträger.
      Die für Sie unkomplizierteste Lösung ist, die RBM (Rechtsberatung des DBSV) anzurufen und dort diese Angaben zu machen. Dann erhalten Sie ein schnelle und rechtlich einwandfreie Antwort. http://www.rbm-rechtsberatung.de

      Melden Sie Ihre Tochter als Mitglied in einem der Verbände an (meist für Kinder gratis). Spätestens im Rahmen einer ausführlichen Rechtsberatung oder im Rahmen einer Rechtsvertretung, ist Ihre Mitgliedschaft in einem Landesverband des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. (siehe Mitgliedskarte des DBSV), bei PRO RETINA Deutschland e. V., beim Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V. oder bei Leben mit Usher-Syndrom e. V. sinnvoll.

      Ich hoffe, Ihnen geholfen zu haben!

  5. Christoph Bergholz sagt:

    Im Text ist ein Fehler. Der Perkins Smart-Brailler wird nicht mit einem interaktiven deutschen Lernprogramm ausgeliefert – es ist bis heute noch nicht mal ein deutsches Lernprogramm erhältlich!

    Punktschriftmaschinen und Braillezeilen

    Eine mechanische Schreibmaschine mit elektronischer Unterstützung, wurde Ende 2012 auf den Markt gebracht und ist auch mit interaktiven deutschen Lernprogrammen ausgestattet, der Perkins Smart Brailler. Nachteil: mechanische Schreibmaschinen brauchen gleichzeitige Kraft und Koordinationsfähigkeit der Finger. Kinder unter 6 haben damit oft Probleme! Vorteil: Sie sind leise und können auch während des Unterrichts in der Schule genutzt werden. Empfehlung ab 5 bis 7 Jahre.

  6. Sandra Both sagt:

    Der Fernsehbeitrag in der ARD war sehr gelungen!
    Vielen Dank für die vielen Tipps und Informationen, die Sie bereits auf dieser website veröffentlicht haben. Ich weiß nicht, wie viele Male ich hier schon nachgelesen habe……
    Herzliche Grüße
    Sandra Both mit Familie

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