Dos und Don’ts beim Sprachgebrauch über blinde Menschen

Wir engagieren uns für die ausgewogene Darstellung von Menschen mit Behinderungen in der Werbung, den Medien und darüber hinaus, sowie für die Nutzung von stärkenden und inklusiven Bildern und verbalen/textlichen Botschaften.

Wir glauben, dass die Mainstream-Medien ein mächtiges Instrument sind, um den kulturellen Wandel in einer Welt anzuregen, in der Menschen mit Behinderungen als gleichwertige Bürger und einzigartige Individuen anerkannt, respektiert und geschätzt werden.

Wir glauben auch, dass die Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in Werbung und Medien wirtschaftlich sinnvoll ist und arbeiten mit der Werbe- und Medienindustrie zusammen, um die Wertschätzung eines Lebensstils zu fördern, der Vielfalt und Inklusion umfasst.

Der Behinderte

Behinderung beschreibt eher den Umgang einer Gesellschaft mit einem Individuum und nicht die Eigenschaft eines Menschen. Der behinderte Mensch ist also durch äußere Umstände in der Ausübung eines Bedürfnisses behindert.

Alternativen: „Mensch mit Behinderung“ oder „behinderter Mensch“, „Mensch mit Sehbeeinträchtigung“ oder „blinder Mensch“, besser ist es jedoch immer, die angesprochene Behinderung, wenn überhaupt nötig, durch die Umstände zu beschreiben:
Statt: Im Restaurant können Blinde die Speisekarte nicht lesen.
Besser: Speisekarten werden in Restaurants meist nicht für blinde Gäste angeboten.

Nicht defizitär formulieren: Es geht nicht darum, was ein Mensch nicht kann (Er kann nicht … , sie wird nie …), sondern was er macht. So wie Sie jeden anderen Menschen beschreiben und charakterisieren würden.

Bettina M. leidet an einem unheilbaren Gendefekt

Das Leiden! Kaum ein Mensch leidet an seiner Eigenschaft – ob angeboren oder später erworben. Es tut meistens nicht weh. Wenn Sie das über jemanden schreiben, dann nur, wenn derjenige das ausdrücklich so gesagt hat.

Unheilbar! Wer diese Formulierung nutzt, sollte das nur tun, falls sich die betreffende Person selbst als krank empfindet und Heilung sucht. Menschen mit Behinderungen, die sich mit ihren Eigenschaften ja i.d.R. sowohl als vollständig als auch normal verstehen, empfinden eine solche Formulierung oft als herabwürdigend.

Blinde

Eine Substantivierung wie „der Blinde“ oder allgemeiner „Blinde“ ist möglichst selten zu verwenden. Es sei denn, es ist im direkten Vergleich zu „Sehende“, denn es wirkt schon sehr verallgemeinernd.

Den Begriff Sehschädigung bitte vermeiden.

Hier besser von einer Blindheit und einer Sehbehinderung oder besser: Beeinträchtigung des Sehens sprechen.

Das Wort Sehrest bitte vermeiden. Nicht jeder hat früher mal mehr gesehen und niemand möchte seine Fähigkeiten als „Rest“ verstanden wissen. Nennen Sie es Sehvermögen.

In absoluter Dunkelheit!

Wenn man nichts sieht, ist es nicht dunkel, denn das Gehirn erschafft die Bilder und nicht das Licht. Die Welt eines blinden Menschen ist reich, vielfältig und farbig – durch Sinneseindrücke, Erfahrungen und Gefühle – wie bei sehenden Menschen auch.

Übrigens haben viele gesetzlich blinde Menschen eine Sehfähigkeit! Das können kleine Bereiche sein, Schatten, Lichter, Farben und vieles mehr.

Förderung des Sehens?

Der „Förderschwerpunkt Sehen“ beschreibt Teilhabegestaltung an Bildung bei Beeinträchtigung des Sehens – also nicht die „Förderung des Sehens“, sondern Verbesserung der Teilhabe.

Betreuung

Der Begriff „Betreuung“ sollte nur im Zusammenhang mit der gesetzlichen Betreuung verwendet werden, ansonsten durch die Begriffe „Begleitung“, „Beratung“ und „Unterstützung“ ersetzt werden.

Die Begriffe „Begleitung“ und „Betreuung“  sollten klar verstanden und getrennt werden.

Wir meistern nicht immer

Blinde Menschen leben ihr Leben. Sie meistern nicht alles, was sehende Menschen faszinierend finden, weil diese sich nicht vorstellen können das blind zu tun. Ja, manches ist komplizierter, aber meist geht es um Alltagstätigkeiten – auch für blinde Menschen. Das Verb „meistern“ dramatisiert meistens Banalitäten aus falsch verstandenem Mitleid.

Trotz einer Behinderung

„Trotz seiner Behinderung schaffte er einen Abschluss mit Summa cum Laude“. Die meisten aufwändigen Dinge werden nicht trotz der Behinderung geschafft; sondern trotz der vielen Barrieren, die einem blinden Menschen das Leben schwerer machen als nötig.  Wenn die Behinderung überhaupt erwähnenswert ist (weil sie z.B. einen wesentlichen Aspekt zur Geschichte hinzufügt), dann kann die Behinderung in diesem Sinne erwähnt werden. Stünden beispielsweise Literatur und Information auch blinden Studenten und Schülern zur Verfügung, würde Bildung praktisch völlig normal verlaufen können. Aber trotz dieser politisch zu verantwortenden Barrieren schaffte er einen Abschluss mit Summa cum Laude!

Sie ist auf den Langstock angewiesen

Ja, das stimmt! Aber das ist kein Problem, wie es leicht bei einer solchen Formulierung erschienen kann. Der Langstock ermöglicht einem blinden Menschen die autonome und sichere Fortbewegung und bedeutet Freiheit. Man liest auch selten bei Brillenträgern, sie seien auf die Brille angewiesen – sie tragen sie einfach.

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