Der erste Braille-E-Book-Reader der Welt

Der Canute 360 von Bristol Braille Technology CIC verfügt über eine neunzeilige, 360 Braillezellen umfassende Anzeige. Wir haben ihn getestet.

Er kann 360 Braillezeichen darstellen statt nur 40 und kostet die Hälfte einer 40er Zeile.

Der Canute 360 ist ein eigenständiger, mehrzeiliger Braille-E-Book-Reader für den Desktop (man kann ihn natürlich auch auf den Schoß legen :-) . Aufgrund des hohen Gewichts von knapp 3 Kg ist er nicht als mobiles Gerät gedacht. Außerdem benötigt er eine Steckdose in Reichweite. Er ist kein iPad. Er dient dem angenehmen Lesen von Büchern und Texten, ohne dass sie man ausdrucken muss.

Für den Canute 360 kann die ganze Braille-Bibliothek auf einer SD-Karte oder einem USB-Speicherstick gespeichert werden. Der Canute360 kann mit BRF- und PEF-Dateien arbeiten. Der Canute360 kann jeden beliebigen Sechspunkt-Braillecode anzeigen und ist damit perfekt für Musik, Mathematik, Tabellen sowie natürlich Text geeignet.

Canute, der weltweit erste erschwingliche mehrzeilige Braille-E-Reader mit 360 Zellen.

Canute, der weltweit erste erschwingliche mehrzeilige Braille-E-Reader mit 360 Zellen.

Dateien für den Braille eBook-Reader Canute 360 selbst erstellen

Um einen Text oder Musiknoten ins BRF-Format umzuwandeln ruft man die Robobraille-Website auf, lädt die Textdatei hoch und bekommt die fertig konvertierte Datei innerhalb von 3 bis 30 Minuten per E-Mail zugeschickt. Man kann aber auch die Konvertierungssoftware Duxberry für 500€ kaufen um nicht warten zu müssen.

Link: Text für Canute konvertieren

Anleitung:

  1. Source • File/Datei (Eine Datei, die schon die gewünschte Struktur mit Leerzeilen und Linien etc enthält) auswählen und Upload drücken. Mit TXT Dateien aus Word (Western Latin 1 oder 2) hat es bei uns fehlerfrei geklappt.
  2. Zielformat • Braille
  3. Sprache • Deutsch (oder andere Sprache)
  4. Kürzungsgrad • Nach Wunsch Kurzschrift oder Vollschrift, aber nur 6 Punkt!
  5. Zielformat • Canute360 (hier kann man wählen, ob man eine Seitenangabe mitspeichern will Canute360p) oder nicht.
  6. Mailadresse angeben und senden.
Nahaufnahme der Canute-Steuertasten: Zurück, Menü und Vorwärts.

Nahaufnahme der Canute-Steuertasten: Zurück, Menü und Vorwärts.

Und was hält Anderes Sehen e.V. vom Canute360?

Erster Eindruck:

Mit seiner ansprechenden Verpackung kommt er sicher zuhause an. Er ist kleiner als gedacht, aber doch ein ziemlicher Brocken vom Gewicht her. Das lässt staunen. Die Anleitung ist knapp – gerade mal zwei Seiten – aber mehr braucht man auch nicht. Er ist recht einfach zu bedienen. Das Netzteil für die Steckdose wirkt etwas altbacken. Wie von früheren Laptops. Anschließen und anschalten und ein feines Geräuschekonzert mit Pausen und Rhythmen beginnt. Das kann man hier gleich sagen: Aufgrund der Geräuschentwicklung beim Seitenaufbau ist der Canute kein Gerät, das man im Klassenzimmer oder im offenen Leseraum der Uni oder Bibliothek verwenden kann. Das ist nicht laut, aber dafür definitiv zu laut. Nach gut einer Minute läuft er.

Für die Technikinteressierten: Man kann einen Monitor über HDMI anschließen und sieht wie der dahintersteckende RasperyPi bootet und bekommt anschließend auch alles, was in Braille auf dem Display steht in lateinischen Großbuchstaben angezeigt.

Im Betrieb:

Für die Sehenden kann dann der Monitor dran bleiben, denn er zeigt in Schwarzschrift an, was in Braille auf dem neunzeiligen Display zu sehen ist. Das hilft, ein bisschen schneller zu sein. Er hat eine derzeit nur englischsprachige Menüführung, aber Updates kommen bald.

Drückt man auf den Menübutton an der vorderen Front, kann man später einmal (Updates kommt) die Systemsprache wählen und ob das Menü in Voll- oder Kurzschrift angezeigt wird.

Auf dem Sofa lesen mit dem Canute auf dem Schoß

Auf dem Sofa lesen mit dem Canute auf dem Schoß. Das geht gut.

Finger lesen auf dem Canute

Die zwei vertikalen Reihen aus Punkten sind auf der Außenseite eines Rades aufgebaut. Durch Drehung kommen sie an die Oberfläche.

Die Library, also alle auf der SD-Karte befindlichen Dateien erreicht man auch in diesem Menü. Dazu drückt man neben dem gewünschten Menüpunkt auf den jeweiligen dreieckigen Knopf links vom Display. Das ist ziemlich einleuchtend und bedarf keiner Erklärung. Drückt man im Library-Verzeichnis den Knopf neben dem gewünschten Buchtitel, öffnet sich das Buch an der alten Stelle. Lesezeichen kann man aber auch einfügen, in dem man das Menü aufruft und „Lesezeichen sichern“ anwählt. Danach, Bestätigen mit der Rechts-Taste und dann das Menü verschwinden lassen, indem man den Menü-Knopf wieder drückt.

Die Bücher sind alphabetisch geordnet und man kann ganz schnell durch jeden Druck der Rechts-Taste jeweils eine Seite im Verzeichnis weiterspringen. Wählt man das Buch durch Tastendruck aus, ist es auch gleich da. Vor- und zurückblättern über die Pfeiltasten vorn. Dieser „Weiter“-Button dient also auch beim Lesen zum Blättern. Fünf mal drücken ist fünf Seiten springen. Im Menü kann man aber auch eine „Go to page …“-Funktion nutzen.

Fürs Ausschalten sollte man dem Canute wieder eine gute Minute Zeit einräumen.

Fazit:

Fantastisch, dass man endlich lesen kann, ohne ständig, nach jeder kurzen Zeile zu blättern!!! Fantastisch, dass man Tabellen lesen kann! Fantastisch, dass man ein E-Book lesen kann am selben Tag, an dem es herausgegeben wird zum gleichen Preis wie jeder andere.

Das kann der Canute360, das ist seine Aufgabe – mehr nicht.

Dafür nehmen wir in Kauf, dass das Gerät schwer ist, Geräusche macht, fest an einem Kabel hängt und etwas langsam ist.

Der Canute ist eine Revolution in Innovationsgrad und Preis. Es bricht das Preiskartell der Hilfsmittelbranche: Es kostet ein Zwanzigstel bisheriger 40-Zeichen-Displays.

Aus der deutschen Hilfsmittelbranche kommt dagegen das einzige bisher gebaute Flächendisplay „HyperBraille“ und kostet 60.000€ (ja, und zwar pro Stück!). Danke für den Fisch.

 

Kauf/Vertrieb:

Der Canute kostet etwa die Hälfte einer einzeiligen, 40 Braillezellen enthaltene, herkömmliche Braillezeile. Ob er von Sozialkassen übernommen wird, bleibt abzuwarten. Das einzige bisherige Flächendisplay HyperBraille kostet 60.000€ (ja, und zwar pro Stück!) – der Verkaufspreis des Canute360 beträgt dagegen nur £1,895 exkl. Mehrwertsteuer – das sind knapp unter 2.100€. Eine Mehrwertsteuer wird nicht erhoben, wenn er von einer eingetragenen blinden Person, Wohltätigkeitsorganisationen und Universitäten gekauft wird.

Support

Wer ihn hat oder einfach mal reinlesen will, findet auf GitHub diverse Details:

7 Antworten zu Der erste Braille-E-Book-Reader der Welt

  1. Sebastian sagt:

    Hallo,

    schön wäre es, wenn man mit dem Gerät auch Grafiken abbilden könnte, z. B. Diagramme, vereinfachte Bilder, Straßenkarten etc. Hab ich in dem Artikel nichts gelesen, wenn es doch geht, kläre mich bitte jemand auf. Wenn nicht eine Anregung zur Weiterentwicklung.
    Viele Grüße
    Sebastian

    • Steffen Zimmermann sagt:

      Hallo Sebastian! Danke für deinen Kommentar. Leider haben wir auf die Entwicklung keinen direkten Einfluss, aber wir werden es weitergeben. Wir haben selbst ein bisschen mit „Grafik“ experimentiert und konnten sogar positive Ergebnisse erzielen. Aber leider ist die experimentelle Methode, die wir gefunden haben, nicht wirklich zuverlässig und sehr mühevoll. Ich hoffe, dass wir da von den Entwicklern in Zukunft eine komfortablere Lösung erhalten.

  2. Hans-Joerg Hess sagt:

    Vielen Dank für Euren Test und den klasse Bericht!

  3. Steffen Zimmermann sagt:

    Seit dem 17. März 2020 haben wir den Canute360 hier vorliegen. Die Erfahrungen lassen wir oben in den Text einfließen und auch die Anleitungen zur Texterstellung etc.

  4. anja kirmse sagt:

    gibt ees den canute reader in deutsch bzw wieviel kostet er in euro danke

    • Steffen Zimmermann sagt:

      Er ist jetzt in Produktion und wird auf jeden Fall noch Anfang 2020 käuflich zu erwerben sein.
      Sobald wir ihn im Alltag erprobt haben und Lösungen für die Beschaffung von Lesestoff als Anleitung zur Verfügung stellen können, werden wir das hier kundtun.

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