Regeln für taktil illustrierte Kinderbücher

Anderes Sehen hat inzwischen jahrelange Erfahrung in der Konzeption, Gestaltung und Umsetzung von taktil illustrierten Kinderbüchern. Die Bücher, die wir in Deutschland auf den Markt gebracht haben, haben hier neue Maßstäbe gesetzt. Unsere ersten Bücher waren sicher noch nicht perfekt und wir finden in jedem Buch noch Verbesserungspotenzial, aber das Niveau ist inzwischen sehr weit über dem, was noch vor wenigen Jahren verfügbar war.

Ein Gedanke vorab: Wir legen Wert darauf, dass die Bücher, die wir machen von ALLEN Kindern geliebt werden. Sie sind keine „Blindenbücher“. Wir sehen eine wichtige Aufgabe darin, dass die Dinge, mit denen ein blindes Kind aufwächst, attraktiv sind, und dass auch sehende Kinder sich gemeinsam mit den blinden Kindern ein Buch anschauen wollen.

Die Eltern sind die wichtigsten Vermittler der Sprache und auch die ersten, die den Kontakt zu Schrift und Bedeutung der Schrift herstellen können. Sie sollten daher durch eine geeignete Gestaltung in die Lage versetzt werden, die Braille-Punktschrift mitzulesen und dem Kind zu zeigen.

Die folgenden Regeln sind für uns verbindlich und sollten selbsterklärend und nachvollziehbar sein:

  • Kinderbücher dürfen keine riesigen Monster sein – sie müssen so handlich sein, dass sie das Kind selbst mühelos in einer Hand tragen kann.
  • Kinderbücher dürfen keine labilen Plastikringbindungen haben.
  • Aktenordner sind keine Bücher! Die Seiten und Bindungen halten bei normalem Umgang nur sehr kurz und reissen aus. Aber vor allem: Aktenordner können von den Kindern nicht selbst geblättert werden und widersprechen unserer Vorstellung eines Kinderbuches damit völlig. Wenn sogar schon das Blättern eines „Buches“ abhängig von einem Erwachsenen macht, wie wollen Sie dem Kind dann beibringen, dass es unabhängig sein kann? Und bedenken Sie: wie „unsexy“ wirkt ein Aktenordner auf andere Kinder!?
  • Keine Plastikfolien verwenden. Tiefgezogene Plastikfolien, wie sie in den 80er-Jahren leider verwendet wurden, widersprechen einer der wichtigsten blindenpädagogischen Grundlage, dass alle Dinge in einer Geschichte eine eigene Form und Haptik haben und jedes Material eine Bedeutung bekommt. Plastik macht alles gleich und gleich langweilig! Kinder sollen Freude an Materialvielfalt vermittelt bekommen und durch das Buch lernen die Materialien zu differenzieren.
  • Herkömmlich geprägte Braillezeichen auf Papier, wie sie für Erwachsene verwendet werden, sind nur bedingt haltbar. Wenn man mit einem harten Gegenstand oder den Fingernägeln dran kommt, verschwinden sie sogar. Das ist bei einem Kinderbuch aber die Regel. Besonders doppelseitig geprägte Seiten sind völlig tabu bei Kinderbüchern. Braille in Kunststoff oder Klebefolien geprägt ist ein Kompromiss, weil etwas stabiler. Besser und flexibler sind aufgetragene harte Lack-Punkte (Polymere) mit runder Kuppe, 0,2 bis 0,3 mm hoch.
  • Die Schwarzschrift für die Vorlesenden und die Punktschrift für die Kinder müssen dem gleichen Zeilenumbruch folgen, sonst kann der Sehende dem blinden Kind nicht zeigen, welches Braille-Wort was bedeutet. Die Schwarzschrift muss oberhalb der Punktschriftzeile stehen, damit die tastenden Finger nicht dem Vorlesenden die Schrift verdecken.
  • Neue Erkenntnis (bei uns ab dem vierten Buch umgesetzt): Optimal sind farblich unterlegte oder gefärbte Braillepunkte. Dann kann der Sehende die Punkte besser erkennen und sie dem Kind zeigen/erklären. Außerdem kommt der Punktschrift dadurch eine schöne, selbstbewusste und freudige Komponente zu. Dies unterstützt den positiven Inklusionsgedanken. Punktschrift ist bei uns nicht unsichtbar!
  • Die Formen- und Materialsprache muss eindeutig sein. Alters- und entwicklungsbedingt von sehr reduzierten bis zu komplexeren Formen müssen alle Entwicklungsabschnitte eines Kindes in unterschiedlichen Büchern bedient werden.
  • Perspektive, Isometrie und nicht-feste Größenverhältnisse dürfen nicht verwendet werden.
  • Wechselnde Ansichten eines Objektes, einer Figur oder einer Situation sind für blinde Kinder nur bedingt zu verstehen und sollten nicht oder nur unter Kontinuität eindeutiger Merkmale angewandt werden.
  • Überlappungen und vorne/hinten müssen nachvollziehbar sein bzw. interaktiv vertauscht werden können.
  • Objekte im Anschnitt sind im Verständnis eines blinden Kindes am Anschnitt zu Ende. Anschnitte oder Rahmen sind visuelle Effekte, die ein blindes Kind nicht kennt. Ein halb verdecktes Gesicht ist in seiner Erkenntniswelt also ein halbes Gesicht.
  • Kontur-Zeichnungen sind i.d.R. nicht ausreichend. Die Fingerspitzen müssen wissen, ob sie sich innerhalb oder ausserhalb eines Objektes befinden. Wenn sich das Innen und Aussen haptisch unterscheiden, also z.B. innen rauh und aussen glatt, dann ist klar wo sich der Finger befindet.
  • Die Bücher für blinde Kinder müssen unserer Meinung nach — und dem Inklusionsgedanken folgend — auch für sehende Kinder interessant und verlockend sein. Ein Aktenordner mit Plastikfolienseiten sieht unattraktiv aus und macht die blinden Kinder wieder einen Schritt sonderbarer.
  • Die Geschichten sollen für alle Kinder attraktiv sein, für die Eltern gut vorzulesen und für die Kinder umfassend erfahrbar. Die Phantasie soll gefördert werden, die Abstraktionsfähigkeit und der Bezug von Sprache zu Schrift.
  • Bücher müssen käuflich erwerbbar sein, denn sie wollen behalten werden, vielleicht für immer oder um sie später den eigenen Kindern vorzulesen. Wieviele Bücher hatten Sie als Kind?
  • Die Bücher sollten, wie jedes andere Buch in üblichen Buchhandlungen und Stadtbibliotheken verfügbar sein, denn der Zugang zu Büchern sollte für blinde Menschen genauso einfach sein wie für Sehende. Wer Sonderlösungen schafft, stellt die Eltern und Kinder damit ins Abseits.

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