Filmkritik zu IMAGINE, ein zwiespältiger Film mit blinden Kindern, der Ohren und Geist öffnet.

Film mit Edward Hogg und Alexandra Maria Lara in den Hauptrollen.

Eine Eröffnungsszene wie in einem Mexiko-Western. Ein cooler Mann mit Sonnenbrille durchschreitet das Tor eines weitläufigen sonnigen Klosterhofes. Auf dem Weg über den Hof hackt er seine Cowboystiefel in den festen Sand und betritt wenig später das weiß getünchte Gebäude, das eine Schule für blinde Kinder beherbergt. Ian, der Mann mit dem etwas merkwürdigen Gang, ist selbst blind. Er soll die internierten Schüler in Mobilität und lebenspraktischen Fertigkeiten unterrichten. Von Anfang an beeindruckt er die Kinder mit seiner differenzierten akustischen Wahrnehmung der Umwelt und der ihnen unbekannten Technik der aktiven Echoortung. Er zeigt ihnen die Welt auf völlig neue Art. „Du kannst die Katze durch die Ohren des Hundes hören.“

Der Langstock ist das Zeichen der Freiheit für blinde Menschen. Ian, eine spaltende Person, fasziniert die Kinder und den Zuschauer durch seine konsequente Liebe zur Freiheit. Er möchte so frei sein wie auch jeder Sehende und verweigert die Nutzung eines Langstocks als Zeichen der Blindheit. Das bringt ihn in gefährliche Situationen und führt beinahe täglich zu Verletzungen. Erst durch Zwang des Schuldirektors nutzt er den Stock im Schulgelände und wirkt fortan wie eine gebrochene Persönlichkeit.

Schon liest man in Filmkritiken die Auffassung, dass man ohne Blindenstock Freiheit und Unabhängigkeit ausdrückt. Wie fatal! Die Befürchtung, dass der Film viele Sehende oder manche Blinde in den höchst bedenklichen Irrglauben führt, dass man dank Echoortung oder Klicksonar auf seinen Stock verzichten könnte, ist also leider berechtigt.

Der Film spielt in einer von einer völlig rückständigen Haltung geprägten Kaserne für blinde Kinder, die dort ohne Eltern aufwachsen müssen. Die Kinder werden vom weiß bekittelten Schulpersonal als Patienten bezeichnet und sie nennen die Schule eine Klinik. Die Fenster sind vergittert und die Kinder dürfen nicht ohne Begleitung von drei Erwachsenen den Hof betreten. Der Direktor verweigert den Kindern unter dem Vorwand ihres Schutzes die Freiheit und erzieht sie zur Abhängigkeit und zur Angst vor der Welt da draußen.

Für die Kinder ist der freie Protagonist Ian also eine Lichtgestalt, ein Schlüssel zur Welt. Fast ein Messias. Doch immer wieder zweifeln sie an seiner Blindheit. So stellen sie seine Fähigkeiten immer wieder auf die Probe. Seine Anwesenheit erzeugt Ungläubigkeit, Wut, Neugier und Faszination.

Ein sehr sehenswerter Film – trotz Kritik! Man wünscht sich, dass blinde Kinder ihre Freiheit von Anfang an haben, statt wie diese Kinder nur von ihr zu träumen. Man wünscht sich, dass sie die Welt so reichhaltig sehen wie Ian. Wenn sie früh damit umgehen lernen, tragen Sie Ihren Langstock dann auch mit Stolz, sind akustisch hoch sensibel und nutzen Klicksonar ganz selbstverständlich zusätzlich.

Kinostart: 02.01.2014
DATEN & FAKTEN

Produktionsland: Frankreich, Polen, Großbritannien, Portugal
Produktionsjahr: 2012
Länge: 105 (Min.)
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 02.01.2014

CAST & CREW

Regie: Andrej Jakimowski
Drehbuch: Andrzej Jakimowski
Kamera: Adam Bajerski
Schnitt: Cezary Grzesiuk
Musik: Tomasz Gassowski
Hauptdarsteller: Alexandra Maria Lara, Edward Hogg, Teresa Madruga, David Atrakchi, Luís Lucas, Melchior Derouet, João Vaz

Dieser Beitrag wurde unter Aktivitäten, Gespräche, Klick-Sonar abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Filmkritik zu IMAGINE, ein zwiespältiger Film mit blinden Kindern, der Ohren und Geist öffnet.

  1. evil sagt:

    Ich wundere mich darüber, dass in einem seriösen Film, dessen vorrangiges Thema Blindheit ist, Augenprothesen so falsch dargestellt werden. Dadurch wirkte die Szene ein wenig wie aus einem Horrorfilm…schade.

  2. Anna sagt:

    Die beiden Hauptdarsteller Alexandra Maria Lara und Edward Hogg sind nicht blind, aber haben gut simuliert.
    Die Aufnahme wo Ian sich die Augenprothesen rausholt, ist nicht sein eigenes Gesicht. Da hat man filmtechnisch was gemacht. Aber sehr gut!
    Als Sehende fand ich es irritierend, als ich erfuhr das es keine „echten Blinden“ sind.
    Ansonsten zeigt der Film, dass sowohl das Hören als auch der richtige Langstockeinsatz entspannend und befreiend für die Betroffenen eingesetzt werden können. Jedoch reicht allein die Echolokalistaion ohne Langstock nicht aus im Straßenverkehr und in unbekannter Umgebung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.