15. Oktober: Internationaler Tag des weißen Stockes

Am 15. Oktober wird weltweit der Tag des weißen Stockes begangen. 1964 verabschiedete der US-Kongress eine Resolution, die den 15. Oktober zum White Cane Safety Day erklärte. Noch am selben Tag proklamierte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson erstmals diesen Aktionstag. Der weiße Stock, so Johnson, sei zu einem Symbol dafür geworden, dass blinde Menschen selbstständig kommen und gehen können.

Aus dem amerikanischen Aktionstag entwickelte sich ein internationaler Tag blinder und sehbehinderter Menschen. In Deutschland bildet er seit 2002 zugleich den Abschluss der jährlich vom 8. bis 15. Oktober stattfindenden Woche des Sehens.

Eine ungewöhnlich einfache Erfindung

Die Geschichte des weißen Stockes begann jedoch schon Jahrzehnte früher. Eine der entscheidenden Personen war die Französin Guilly d’Herbemont. Angesichts des stark zunehmenden Autoverkehrs in Paris suchte sie nach einer Möglichkeit, blinde Menschen für andere Verkehrsteilnehmende deutlich erkennbar zu machen.

Ihre Idee war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Ein gewöhnlicher Stock sollte weiß sein.

1931 ließ d’Herbemont Tausende weiße Stöcke herstellen und an blinde Menschen verteilen. Die Aktion fand auch international große Beachtung. Sie gilt deshalb als Erfinderin beziehungsweise maßgebliche Initiatorin des weißen Stockes in seiner Funktion als weithin sichtbares Erkennungs- und Schutzzeichen.

Was zunächst vor allem der Sichtbarkeit diente, entwickelte sich weiter. Aus dem weißen Signalstock entstand der heutige Langstock, mit dem blinde Menschen den Raum vor sich ertasten, Bodenstrukturen erkennen, Kanten und Stufen finden und Hindernisse rechtzeitig wahrnehmen können.

Damit wurde aus einem Zeichen ein Instrument der selbstständigen Mobilität.

Ein nahezu perfektes Hilfsmittel

Vielleicht liegt der große Erfolg des weißen Stockes gerade darin, dass er technisch so unspektakulär ist.

Er braucht keinen Strom und keinen Akku. Es gibt keine Software, die aktualisiert werden muss, keine Funkverbindung und kaum etwas, das ausfallen kann. Ein Langstock ist leicht, kompakt, vergleichsweise robust und wartungsarm. Zusammengefaltet lässt er sich problemlos mitnehmen und ist innerhalb weniger Sekunden einsatzbereit.

Vor allem aber erfüllt er mehrere Aufgaben gleichzeitig.

Er ist Sensor, denn über Stockspitze und Schaft vermittelt er Informationen über den Untergrund und die unmittelbare Umgebung. Er ist Schutzinstrument, weil Hindernisse erkannt werden können, bevor der Körper mit ihnen kollidiert. Und er ist Kommunikationsmittel, denn seine weiße Farbe signalisiert anderen Menschen unmittelbar, dass hier eine blinde oder hochgradig sehbehinderte Person unterwegs ist.

Kaum ein anderes Hilfsmittel verbindet diese Funktionen mit derart einfachen Mitteln.

Dabei ist der weiße Stock weder an ein Alter noch an ein Geschlecht oder einen bestimmten Lebensstil gebunden. Kinder können ihn ebenso benutzen wie alte Menschen. Er funktioniert auf dem Weg zur Schule genauso wie auf dem Arbeitsweg, beim Einkaufen, auf Reisen oder beim Spaziergang.

Seine eigentliche Leistung lässt sich deshalb nicht allein in vermiedenen Hindernissen messen. Der Langstock ermöglicht etwas sehr viel Grundsätzlicheres: Freiheit.

Selbst entscheiden zu können, wann man das Haus verlässt. Einen Weg ohne Begleitperson zurückzulegen. Zur Arbeit zu fahren, Freund*innen zu besuchen, einzukaufen oder eine unbekannte Stadt zu erkunden. Der weiße Stock ersetzt dabei nicht das Orientierungsvermögen des Menschen. Im Gegenteil: Er gibt der Nutzerin oder dem Nutzer die Informationen, mit denen selbstständig entschieden und gehandelt werden kann.

Gerade darin liegt die Qualität eines wirklich guten Hilfsmittels: Es übernimmt nicht das Leben seines Nutzers, sondern erweitert dessen Handlungsmöglichkeiten.

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Kinderlangstöcke auf der SightCity

Kinderlangstöcke auf der SightCity 2014 vorgestellt. Am Stand vom Comde-Derenda konnte man eine der schönsten Innovationen des Jahres bewundern.

Kann man etwas so Einfaches noch verbessern?

Über viele Jahrzehnte hat sich am Grundprinzip des Langstockes erstaunlich wenig verändert. Das spricht zunächst einmal für die Qualität des Konzepts. Trotzdem gibt es auch hier Weiterentwicklungen – und manche davon haben nicht einfach technische Details verbessert, sondern grundlegend verändert, wer einen Langstock nutzen kann.

Ein solcher Schritt gelang Anderes Sehen e.V. Anfang der 2010er-Jahre. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland keine speziell für Kleinkinder und kleine Kinder entwickelten Langstöcke. Vorhandene Modelle waren im Wesentlichen für Erwachsene konzipiert und wurden lediglich in kürzeren Längen angeboten. Doch ein kleinerer Mensch braucht nicht einfach nur einen kürzeren Erwachsenenstock.

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Für blinde Kinder, die gerade erst beginnen, selbstständig zu stehen, zu laufen und ihre Umgebung zu erforschen, spielen andere Anforderungen eine entscheidende Rolle. Der Stock muss extrem leicht sein, damit er nicht zur Last wird. Der Griff muss zu kleinen Händen passen. Gleichzeitig muss der Stock stabil sein und Bodenstrukturen und Berührungen möglichst unmittelbar an die Hand weitergeben.

Anderes Sehen begann deshalb bereits 2012, eigene Lösungen und Bauanleitungen für Langstöcke für Kleinkinder zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Hilfsmittelhersteller Comde-Derenda entstand daraus schließlich ein speziell für Kinderhände konstruierter Langstock. 2014 wurde der erste seriengefertigte Kinderlangstock auf der SightCity in Frankfurt vorgestellt.

Kinderlangstock-Sortiment

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Das war mehr als eine Produktneuheit.

Dahinter stand die damals keineswegs selbstverständliche Überzeugung, dass ein blinder Mensch nicht erst im Schulalter einen Langstock benötigt. Auch ein ein- oder zweijähriges Kind hat einen natürlichen Bewegungs- und Entdeckungsdrang. Wenn sehende Kinder beginnen, selbstständig ihre Umgebung zu erkunden, brauchen auch blinde Kinder ein Werkzeug, mit dem sie dies tun können.

Ein Langstock wird damit nicht erst zum Verkehrshilfsmittel, sondern bereits sehr früh zu einem Wahrnehmungs-, Lern- und Freiheitsinstrument.

Die Kinderlangstöcke von Anderes Sehen wurden deshalb bewusst besonders leicht, stabil und taktil sensibel konstruiert. Lange, dünne Griffe sollten auch von sehr kleinen Händen sicher umfasst werden können. Für Kleinkinder wurden einteilige Stöcke entwickelt, weil jedes Gelenk zusätzliches Gewicht bedeutet und die direkte Übertragung von Informationen vom Boden zur Hand beeinträchtigen kann.

Hinzu kam ein weiterer Gedanke, der bei Hilfsmitteln für Kinder keineswegs nebensächlich ist: Der Stock sollte nicht wie ein medizinisches Gerät aussehen, das ein Defizit sichtbar macht. Er durfte farbig und attraktiv sein und zu einem selbstverständlichen persönlichen Gegenstand werden.

Anderes Sehen verschenkte in den folgenden Jahren Hunderte dieser Kinderlangstöcke, um zu verhindern, dass fehlende Kostenübernahme den frühen Zugang zur selbstständigen Mobilität verhindert. 2017 wurden die gemeinsam mit Comde-Derenda entwickelten Kinderlangstöcke schließlich in das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen.

Damit hatte sich nicht nur ein Produkt etabliert. Auch die Vorstellung davon, wann selbstständige Mobilität blinder Menschen beginnt, hatte sich verändert.

Ein jüngeres Beispiel für die Weiterentwicklung des Langstockes ist der IO des deutschen Herstellers whitecane. Hier stehen andere Aspekte im Vordergrund: Ergonomie, Handhabung und zeitgemäße Produktgestaltung.

Der geschwungene Griff orientiert sich an der natürlichen Handhaltung und ermöglicht verschiedene Griffpositionen. Ein spezielles Gelenk kann bei einem harten Zusammenstoß mit einem Hindernis kontrolliert nachgeben. Der Stock besteht aus Carbon, lässt sich dreiteilig zusammenfalten und wird im gefalteten Zustand magnetisch zusammengehalten. Reflektierende und neongelbe Flächen verbessern seine Erkennbarkeit bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen.

Beide Entwicklungen zeigen auf unterschiedliche Weise, dass auch ein nahezu perfektes Grundprinzip weitergedacht werden kann.

Beim Kinderlangstock lautete die entscheidende Frage: Wie muss ein Langstock beschaffen sein, damit bereits ein sehr kleines Kind ihn selbstverständlich benutzen kann?

Beim IO lautet sie eher: Wie kann ein bewährtes Hilfsmittel ergonomisch und gestalterisch auf den Stand moderner Produktentwicklung gebracht werden?

Das Grundprinzip bleibt dabei fast hundert Jahre nach seiner Einführung erstaunlich stabil. Gerade darin liegt vielleicht seine größte Qualität: Der weiße Stock muss nicht ständig neu erfunden werden. Aber er kann immer wieder besser an die Menschen angepasst werden, die ihn benutzen.

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